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RSSPrint

Tag der offenen Moschee - 3. Oktober 2017

Unter der Überschrift „Soziale Verantwortung – Muslime für die Gesellschaft“ lädt Pfarrer Jürgen Duschka, Beauftragter für den interreligiösen Dialog in unserem Kirchenkreis, zu einem Tagesausflug zum Besuch von drei sunnitischen Moscheen ein.

 

Um Halbzehn Uhr machte sich unser Bus mit 35 interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter sachkundiger Begleitung von Pfarrer Duschka auf den Weg. Die erste Station: Die Khadija Moschee in Heinersdorf. Wir erinnerten uns an den Aufruhr während der Bauzeit und bei der Eröffnung der Moschee 2008. Der Imam, Herr Said Ahmad Arif, empfing uns und gab eine kurze Einführung. Wir versammelten uns im Erdgeschoss, dem Männerbereich. Wir waren beeindruckt von der Klarheit und Entschiedenheit seiner Worte, wir begegneten einer Moscheen Gemeinde, die in der demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik ihren Platz einnimmt, weltoffen ist, in ihrer Glaubenshaltung klare Regeln kennt und eher konservativ wirkt. Familie, Erziehung und Bildung: „Schule geht vor“ stehen im Zentrum ihres Denkens. In Einzelgesprächen besonders mit den sehr selbstbewussten, Kopftuch tragenden Frauen im Obergeschoss, Juristinnen, Architektinnen, Lehrerinnen, Studentinnen hörten wir, welche Rolle für sie ihre freie Entscheidung zum Islam und zum Kopftuch spielt. Meine Gesprächspartnerin berichtete mir z. B., dass sie in der Pubertät gegen ihre Mutter revoltiert hatte und etwa zwei Jahre brauchte, bis sie wusste: „Ja, ich will mein Leben nach dem Koran führen!“ Das Kopftuch ist für sie ein Symbol ihrer Identität. Sie hält die Gebete ein, meinte aber auch schmunzelnd, dass sie mittags manchmal dafür die Vorlesung schwänzte. Auf meine Frage, wo denn im Koran das Verhüllungsgebot stehe, zögerte sie und meinte Sure 24 oder 60. Ein köstliches Buffet war aufgebaut und lud zum Verweilen und anregenden Kurzgesprächen ein.

 

Unsere nächste Station war die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm, gewiss die bekannteste Moschee in unserer Stadt. Es war wie auf einem Jahrmarkt; die Besucher drängten sich im Vorhof, der um den ehemaligen historischen türkischen Friedhof herumgebaut ist und seitlich überragt wird von der im osmanischen Baustil errichteten Moschee (2005 eröffnet). Im Erdgeschoss treffen sich die Frauen, im 1. Stock kommt die Moscheen Gemeinde in einem Kuppelraum zusammen, der mit kalligraphischen Elementen, einer Minbar (Kanzel) und einem Riesenleuchter reich ausgestattet ist. Über zwei Minarette an der Seite gelangt man auf die Galerie, von der aus die Frauen am Gebet teilhaben können. Ein Programm informierte über die einzelnen Angebote des Tages. Wir hörten eine Podiumsdiskussion zwischen dem Vorsitzenden der Moschee, Imam Suleyman Kucük, einer Vertreterin des Diözesanrates des Erzbistums Berlin und Pfarrer Goetze, dem landeskirchlichen Pfarrer für den interreligiösen Dialog in der EKBO. Ihre kurzen Statements orientierten über die jeweiligen Glaubensrichtungen. Leider hatten wir zu wenig Zeit für Fragen. Die der Moschee nachgesagte Nähe zur Ditib und die Frage nach den türkischen Weisungen, den Finanzquellen und dem geplanten großen Erweiterungsbau hätten mich interessiert.

 

Unsere dritte und letzte Station war die (Dar-) Assalam-Moschee, die Neuköllner Begegnungsstätte e. V. Sie wurde 2007 eröffnet. Hier erwartete man uns schon. Wir nahmen an langen Tischen Platz, es gab Getränke und arabisches Selbstgebackenes. Eine Kopftuchtragende Frau übernahm die Regie und berichtete. Ein starker Akzent wird auf die Bildung gelegt. Die Bedeutung des Lernens wird auch baulich dadurch unterstrichen, dass es für die Schulkinder auf den Balkonen Extrabereiche gibt, damit sie in Ruhe lernen können. Im Übrigen gibt es keine bauliche Trennung zwischen Frauen und Männern, sie benutzen zwar verschiedene Eingänge, treffen sich aber im selben Raum, unterhalten sich weiter, Frauen spielen mit den Kleinkindern, wenn die Männer ihre Gebete verrichten. Die Freitagspredigt (Chutba) wird auf Arabisch gehalten und von Dolmetschern simultan übersetzt. Diese Moscheen Gemeinde versteht sich als weltoffen und multikulturell. Auf der Webseite heißt es: „Die Gemeinde tritt ein für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, gegen Diskriminierung, Rassismus und Gewalt, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für ein Miteinander der verschiedenen Völker und Religionen, für das Selbstbestimmungsrecht aller Menschen“. Ein politischer Akzent war spürbar. So wurden wir Weißhaarigen als „Altachtundsechziger“ angesprochen: Wir waren damals auf der Straße und hatten gegen das System revoltiert. Im Einzelgespräch wurde ich an die „friedliche Demonstration der Religionen für ein weltoffenes Berlin“ auf dem Breitscheidplatz am 15. März 2017 erinnert. Die Gemeinde sieht sich im Fadenkreuz der Kritik, da Anis Amri bei ihr gesehen worden sein soll. Der Verfassungsschutz sieht eine Verbindung zur Muslimbruderschaft.

 

Nachdenklich steige ich wieder in den Bus. Mir geht das Motto des Tages durch den Kopf: „Gute Nachbarschaft – bessere Gesellschaft“. Außer in den großen Flüchtlingsunterkünften leben nur wenige Muslime in unserem Bezirk. „Soziale Verantwortung – Muslime für die Gesellschaft“ hat Pfarrer Duschka in seiner Ankündigung zu diesem Tagesausflug geschrieben. Es wäre schön, wenn diese Unternehmung einen Anstoß für weitere Begegnungen und gemeinsame Ausflüge bedeutete.

 

Als Fazit nehme ich mit, dass wir für die Öffnung der Moscheen-Gemeinden dankbar sein sollen, dass aber trotzdem die deutsche Mehrheitsgesellschaft viel zu wenig über diese Religion weiß, so dass es oft zu Missverständnissen kommt. Zu diesem Dialog ist auch die Evangelische und Katholische Kirche aufgefordert. In diesem Sinne danken wir Pfarrer Duschka.


Berlin 5. Oktober 2017


Ellen Wagner

Letzte Änderung am: 13.11.2017