Evangelische Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow


ev-kirche-kleinmachnow.de > Archiv > Materialarchiv > 13. Gottesdienst in anderer Gestalt am 25.02.2006 – „Schritte gegen Tritte“ > Referat Heimeyer

13. Gottesdienst in anderer Gestalt – Referat Heitmeyer

Guten Abend meine Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Einladung.
Ich werde heute Abende über die neuesten Studie zur Fremdenfeindlichkeit in Deutschland von DR Heitmeyer referieren.

Unser Thema: ICH BIN UNTEN und IHR SEID UNTER MIR.

Unsere langjährige Studie beweist, dass die Deutschen von Jahr zu Jahr fremdenfeindlicher werden.
Über 61% sind der Meinung, dass in Deutschland zu viel Ausländer leben.
In der deutschen Mittelschicht wächst die Furcht vor dem sozialen Absturz und mit ihr der Hass auf Ausländer, Frauen, Juden, Muslime, Schwule
= auf das ANDERE
Das machtlose Verzagen gegenüber den Starken in der Gesellschaft heißt gleichzeitig eigene Resignation und Hass gegen noch Schwächere.
Solange ich noch ANDERE haben, die unter mir sind, denen ich noch meinen Hass zeigen kann, die ich noch treten kann, bin ich noch besser dran.

Nun zu dem Vergleich Christen und Konfessionslose

Die Christen scheinen aus der gewaltvollen Geschichte des Christentums nichts gelernt zu haben. Sie sind gegenüber einer Reihe von schwachen Gruppen der Gesellschaft feindseliger eingestellt als Konfessionslose.
Sie sind besonders Homosexuellen und Frauen gegenüber abwertend eingestellt.
Sehr religiöse Menschen haben meist mehr Vorurteile als weniger religiöse Christen.
Die Christen sind im Allgemeinen...........

Unterbrechung durch Elke

Entschuldigung,
(Vortragende (V) ignoriert E. zunächst, fährt fort: „Die Christen im Allgemeinen…“)

E. (lauter): Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche, ich würde gerne etwas klären. Das hier ist ein Gottesdienst und kein sozialwissenschaftliches Seminar über Fremdenfeindlichkeit. Diese ganzen Menschen hier sind gekommen, um miteinander Gottesdienst zu feiern. Thematisch geht es zwar in die Richtung ihrer Studie, es geht um Gewalt – sicher auch um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, um das Miteinander von Kulturen usw. aber wir wollen doch hier keinen Vortrag hören!

Und außerdem, ich muss ehrlich sagen, Ihre Thesen kränken mich! Also, ich bin kein Rassist und habe nichts gegen Frauen, mit meinem schwulen Kollegen arbeite ich seit Jahren bestens zusammen. Allerdings – da muss ich Ihnen zustimmen .- er ist, weil er seine Homosexualität nie versteckt hat, auf ein kirchliches Abstellgleis geschoben worden. Ich stimme Ihnen zu: zumindest für die Kirchenleitung ist Homosexualität noch immer ein Problem.

V: Sehen Sie, jetzt unterstützen Sie selbst meine These!

E: Für fundamentalistische Gemeinden – und in mancher Hinsicht selbst für die Kirchenleitung – mag das zutreffen, aber dies hier ist keine fundamentalistische Gemeinde, hier leben recht gut situierte Menschen, auf unseren Schulhöfen wird deutsch gesprochen, was natürlich daran liegt, dass der Ausländeranteil in KLM gering ist.

V: Also noch ein Stück heile Welt in KLM?

E: Diese Probleme haben wir zumindest in der Schärfe wie in Berlin nicht.

V: Und was ist mit Ihrer polnischen Putzfrau – ist die angemeldet?

E: Ich würde Ihnen gerne erzählen, wie es zu dem GD gekommen ist. Vielleicht kommen wir ja so ein Stück weiter: Gestern Abend und den ganzen Tag heute haben 120 Konfirmanden über das Thema Gewalt nachgedacht. Was ist für mich Gewalt? Ist es Gewalt, wenn ich in der U-Bahn blöd angemacht werde oder ist es erst dann Gewalt, wenn ich bedroht werde? Wie verhalte ich mich in Konfliktsituationen und was mache ich, wenn der Konflikt so groß wird, dass ich alleine nicht mehr klarkomme? Welche Vorbilder finden wir in der Geschichte des Christentums vor? Manche haben sich mit Albert Schweitzer, andere mit Mutter Theresa, wieder andere mit Rosa Parks und Martin Luther King beschäftigt.

Und jetzt kommen Sie und wollen uns erzählen, das waren die Schlimmsten? Ihre Thesen sind völlig klischeehaft.
Heute wollen einige Konfirmanden der Gemeinde einige Eindrücke aus diesen zwei Tagen Beschäftigung mit dem Thema geben. Die Eltern fragen sich nämlich immer: Was macht ihr da eigentlich die ganze Zeit? Insbesondere geht es um die Frage: Wie hat sich Jesus in Konfliktsituationen verhalten? Er ist ja immerhin die Hauptperson im christlichen Glauben und durch ihn wiederum wurden die eben genannten Personen inspiriert.

Da gibt es folgende Konfliktsituation im Johannesevangelium, Kap 8:
Ich erzähl das eben mal:
Da wird eine Frau auf frischer Tat ertappt – im Bett mit einem anderen Mann. In flagranti sozusagen. Ehebruch. Dumm gelaufen, denn darauf stand die Steinigung. Todesstrafe durch Bewerfen mit Steinen bis der Tod eintritt. Krass.
(Übrigens, hier stimme ich Ihnen zu: Religion ist häufig frauenfeindlich – bis hinein in die biblische Tradition: über den Mann, der da mit im Bett gelegen hat, erfahren wir nichts, zum Ehebruch gehören aber bekanntlich zwei. Warum soll nur die Frau gesteinigt werden? Was ist mit dem Mann?)

V: Sehen Sie, sie übernehmen doch noch meine Position…

E: Warten Sie mal ab.
Die Männer zerren die Frau vor Jesus. Er soll den Richter spielen und entscheiden, was mit der Frau geschehen soll. Die Männer haben die Steine schon in der Hand. Und Jesus – was macht er ? Hockt sich erst mal hin und malt ein bisschen im Sand. Cool.
Natürlich hat er voll geblickt, dass das eine Falle ist. Sagt er jetzt: ist doch alles nicht so schlimm, ein kleiner Ehebruch, regt euch doch nicht so auf. Oder: Ich bin gegen die Todesstrafe! Dann werden sie sagen: Da haben wir es: Jesus hält sich nicht an die Gesetze! Skandal! Auf Ehebruch steht die Todesstrafe! Und Jesus hält sich nicht ans Gesetz. Dann haben sie endlich etwas gegen ihn in der Hand.
Wenn er sagt: Klarer Fall, sie muss gesteinigt werden, wird er seinen eigenen Grundsätzen untreu. Er predigt doch Liebe, Vergebung, Neuanfang.

Gute Idee, erst mal im Sand zu malen. Klaren Kopf behalten. Erst mal Zeit gewinnen. Ich kann mir vorstellen, wie die Typen schon unruhig werden und die Steine locker sitzen.

V: Sehen Sie, religiöse Menschen sind frauenfeindlich und gewaltbereit! Ich sags Ihnen doch! Die stecken doch voller Aggressionen! Diese Geschichte bestätigt meine These voll!

E.: Nun warten Sie doch mal ab, Sie sind ja genauso ungeduldig wie diese Männer!
Also, Jesus malt noch ein bisschen…
Dann steht er auf, und sagt nur einen Satz. (Er hält übrigens keine Vorträge !). Nein, ein Satz und der trifft ins Schwarze!
„Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“
Stille. Einer nach dem anderen lässt die Steine fallen und geht.

Zurück bleiben Jesus und die Frau. Jetzt, unter vier Augen – so was gehört nämlich nicht in die Öffentlichkeit – fragt Jesus sie: „Wo sind sie? Hat dich jemand verurteilt?“
„Niemand, Herr“, antwortet sie. „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von nun an nicht mehr.“

Diese Begegnung wird sie nicht vergessen haben – und die Männer mit den Steinen sicher auch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich nochmals an einer Steinigung beteiligt haben.

V: Da wär ich mir nicht so sicher. Schließlich ist Jesus auch hingerichtet worden.

E: Und doch hat er Spuren hinterlassen. Sonst säßen wir nicht hier. Keiner von uns. Sie übrigens auch nicht.

Seitenanfang


letzte Aktualisierung
dieser Seite: 19.10.2011, 10:24

 


ev-kirche-kleinmachnow.deDruckversion | Drucktipps | Redaktion