Evangelische Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow
Meditation zum Magnifikat a-moll von Arnold Melchior Hoffmann (1679-1715), (bisher J.S. Bach zugeschrieben)
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.
Maria, dein Lied berührt mein Herz.
Doch so Vieles steht zwischen Dir und mir: Eine Kirchengeschichte, die Dich mit Titeln und Dogmen belegt hat, Mythen, hinter denen Du verschwindest, Empfindlichkeiten. Eine Kunstgeschichte mit Bildern voller Anmut und Schönheit, menschengemachte Marienfrömmigkeit, Klischees und Kitsch.
Wer warst du wirklich, Mirjam?
Ich würde dich so gerne sehen, mit dir reden, dich 1000 Dinge fragen: Wie war es, damals, als Du merktest, dass du schwanger bist, - hast du gejubelt? Hast du dich gefreut – so wie es in einer anderen Übersetzung heißt: „Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen. Alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter“.
Hast du in solch strahlenden Tönen gesungen, wie es sich Arnold Hoffmann vorgestellt hat?
Was kannst du bestätigen von dem, was Lukas dir in den Mund legt? Was hast du wirklich gewusst über dieses Kind, das du erwartetest?
Viele Fragen und keine Antworten.
Ich habe nichts anderes als die Worte, die Lukas Dir in den Mund legt, den Lobgesang, dem im Laufe der Zeit so viele Melodien gegeben wurden.
Wenn ich sie singe oder höre, werden sie zu meinen Worten, meinen Melodien. Ich werde hineingezogen in eine Bewegung des Glaubens. Aber – wohin trägt sie mich? Zu Dir? Zu dem, den Deine Worte preisen? Zu mir selbst?
Ich will mich bewegen lassen, ohne meine Fragen zu vergessen. Ich will die Maria hören, die heute zu mir singt. Ich will die Worte in mich aufnehmen, die Lukas für alle Zeiten in unsere Bibeln eingeschrieben hat. Und ich höre darin die Stimme Israels.
Aber ich will auch Dir, Maria – Mirjam - Raum geben. Dir, wie Du wirklich warst. Will Dich nicht festlegen. In meinem Herzen soll ein Platz für Deine Wahrheit sein, die mir immer ein Geheimnis bleiben wird.
Denn er hat seine elende Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind.
Denn er hat große Ding an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.
Gott sieht an. Immer wenn er das tut, beginnt eine Befreiungsgeschichte. „Denn er hat seine elende Magd angesehen“ – „elende Magd“, das können wir heute nicht mehr gut hören. In einer anderen Übersetzung heißt es: „Denn er wendet sich mir zu, obwohl ich nur seine unbedeutende Dienerin bin.“ Maria wundert sich schlicht darüber, dass Gott sie, ein einfaches Mädchen, angesehen hat! Dass sie für ihn von Interesse ist! Eine junge Frau, die dann Vergewisserung bei ihrer älteren Verwandten sucht, denn auch mit ihr hat Gott etwas vor. Sie soll auch schwanger sein, Elisabeth, die unfruchtbare, bereits betagte Frau...
In Elisabeth steht Maria die ganze Geschichte des Volkes Israel gegenüber. Eine alte, unfruchtbare Frau ist schwanger. In Elisabeth wird die Abraham-Sara–Geschichte wieder lebendig, wird wieder gefüllt mit neuer Hoffnung. Unfruchtbares wird fruchtbar. Gott gibt Hoffnung, wo es nichts mehr zu hoffen gibt. Er befreit zu einem neuen Anfang und eröffnet Zukunft, wo schon der Todesschatten liegt.
So singt Maria nicht nur ihr persönliches Loblied über eine Schwangerschaft, sondern sie stimmt ein in einen vielstimmigen Chor über Gott, der befreit. Der Berge erniedrigt und Täler erhöht.
Ihr Loblied wurde in vielen Variationen schon immer gesungen. Zuallererst von Mirjam, der Schwester von Mose und Aaron, denn Gott hatte die Not seines Volkes in Ägypten angesehen. Nach dem Zug durch das Schilfmeer, haut Mirjam auf die Pauke und singt. Dann Hanna, die Mutter des Propheten Samuel, endlich schwanger geworden, nachdem auch sie von Gott angesehen worden war. Auch sie singt ein Loblied über Gott, der befreit.
Immer schon erklang dies Lied in Israel. Maria singt, was die Propheten riefen: Gott sieht die Niedrigen an.
Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl und erhebet die Elenden.
Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässet die Reichen leer.
Ihr Lied ist kein Wiegenlied. Hier werden die Mächtigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhöht.
Gott lebt mit in den Flüchtlingscamps dieser Welt. In den Zeltstädten der Obdachlosen. In den Lagern der Gefangenen.
Er geht auf die Märkte der Armen und liest Stellenanzeigen mit Harz IV Empfängern. Er pflegt die Dementen und segnet die Sterbenden. Er weint mit denen, die traurig sind. Er protestiert, wo Unrecht geschieht. Er stärkt denen den Rücken, die immer noch daran glauben, dass diese Schöpfung einzigartig ist. Er steigt auf die Müllhalden der Zivilisation und hält seine Bergrede. „Selig seid Ihr, wenn Ihr einfach lebt!“
Und: „Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.“
Wo aber geschieht das? Nur in den Geschichten? Ist es nur ein Lied? Wann werden diese Worte Wirklichkeit? Und durch wen? Hat Maria sich zu früh gefreut? Was ist aus dem triumphalen Begrüßungslied der werdenden Mutter Maria geworden?
Die Welt ist noch nicht vollendet, wir warten gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern auf die Vollendung des Reiches Gottes.
Die Geschichte ihres Kindes ist kein Heldenepos. Er wird leiden und sterben wie die Propheten des Alten Testaments. Aber seine Geschichte ist ein weiterer Hinweis darauf, auf welcher Seite Gott steht. Auf der Seite derer, die leiden. Auf der Seite derer, die ihre Feinde lieben, die keine Gewalt üben. Auf der Seite derer, die teilen, was sie haben und ohne Unterlass Wege zur Gerechtigkeit suchen. Damit alle Brot haben und Wasser denn – in Abraham sollen gesegnet sein alle Menschen dieser Erde.
So heißt es in der Thora. Alle. Alle Menschen müssen essen. Alle brauchen ein Dach über dem Kopf, Bildung. Liebe.
Das alles können wir einander geben.
Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er gered´t hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewiglich.
Lob und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geiste.
Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Wo bleiben wir zwischen dem Anfang und der Ewigkeit?
Zwei Frauen besuchen einander. Maria braucht Elisabeth zur Vergewisserung. Stimmt das, was der Engel ihr erzählt hat? Stimmt es, dass Gott sein Volk noch nicht aufgegeben hat? Dass es eine Zukunft gibt für die Welt? Stimmt es, dass wir noch etwas erwarten dürfen?
Maria und Elisabeth sind mehr als bloß schwanger. Beide tragen in sich eine Hoffnung für diese Welt. Und sie brauchen einander. Die Babys in ihren Leibern brauchen einander. Der etwas ältere Johannes jedenfalls hüpft schon vor Freude... Die Söhne brauchen sich, die Mütter brauchen einander. Und Gott braucht sie alle.
Auch wir brauchen einander, um uns in unserer Hoffnung zu stärken. Und die Kirche braucht das Judentum – denn es erinnert uns daran, dass wir noch viel zu hoffen haben!
Wir sind aneinander gewiesen in einer bunten Menschheit. So höre ich das Lied der Maria in seinem ersten Vers einmal ganz anders, aber in einer möglichen Übersetzung wie eine Einladung an uns:
„Mein Leben macht den Herrn groß!“
Elke Rosenthal
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