Evangelische Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow


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Gottesdienst in anderer Gestalt, 24.6.2011

Predigt über Johannes den Täufer

A. Was denkst du denn so über Johannes?

E. Also, mir bleibt er ziemlich fremd. Er hat etwas Bedrohliches , tendenziell Fanatisches....er lebte in der Wüste, aß Heuschrecken, beschimpfte die Leute, die sich für fromm hielten, und er sprach von dem kommenden Gericht, bei dem die Guten ins Reich Gottes und die Bösen ins Feuer kommen würden - ... er spielte mit der Angst der Menschen, verloren zu sein.

A. Deine Vorbehalte kann ich gut verstehen. Mich hat er an eine Szene auf dem Kirchentag erinnert: Da fuhr ein Mann durch die Prager Straße mit seinem Fahrrad, ganz allein in der Kirchentagsbesuchermenge, und auf dem Gepäckträger hatte er so ein Schild, selbstgebastelt und selbstgemalt: „Kehrt um“. Ist doch merkwürdig, dass wir Rufe zur Umkehr immer mit Sektierern in Verbindung bringen...also ich halte das für einen gut getarnten Abwehrmechanismus.

E. Aber das ist doch auch ganz gesund, solche Ideen abzuwehren...oder willst du zur Kirche des Mittelalters zurückkehren?

A. Naja, kannst ja schon mal den Scheiterhaufen für mich anwerfen, mit den roten Haaren....nee, nee, das meine ich nicht. Aber vielleicht zumindest ein bisschen weniger Kindergottesdienst für Erwachsene machen?

E. Was meinst du denn damit???!!! Vorsicht, neben dir steht die Pfarrerin...

A. Du weißt schon ganz gut, dass ich dich schätze, oder? Aber das ändert nichts an dem Gefühl, dass wir hier immer nur von den „lieben“ Seiten Gottes hören....Es geht immer nur darum, dass Gott ja zu uns sagt. Vielleicht müssten wir auch mal darüber reden, dass Gott auch zu manchen Dingen, die wir tun, nein sagt....und mir scheint es schon um ernste Dinge zu gehen.

E. Moment mal, für mich ist das aber das Herzstück meines Glaubens: Gott sagt Ja zu mir! Gott ist für mich in Jesus derjenige, der uns so annimmt, wie wir sind, mit allen Gebrochenheiten, Irrtümern, Schwächen. Das ist für mich unumstößlich.

A. Ja, das ist ja auch so. Gottes Ja in Jesus zu uns ist unumstößlich, und wir können das nicht ruinieren, durch gar nichts. Aber es ist sozusagen der Startschuss, und nicht das Ziel...

E. Für mich ist es nicht nur der Startschuss. Es ist vielmehr das Leitmotiv, das mich immer begleitet, die Grundmelodie meines Lebens. Ich möchte nicht permanent das Gefühl haben, nicht zu genügen und anders sein zu müssen als ich bin.

A. Nein, so hab ich das auch nicht gemeint. Ich denke, dass Gottes Ja zu uns uns einlädt in eine Beziehung zu ihm, und wenn ich dann vor ihm sitze und mich auf ihn einlasse, dann spüre ich seine große Freundlichkeit und dass er ganz unbeirrbar ist in seiner Liebe...und dann kann ich nicht selber weiter mit anderen schlecht umgehen. Und mit seiner Schöpfung schlecht umgehen...Diese Begegnung führt dazu, dass ich spüre, dass ich mein Leben ändern muss. Verstehst du, wie ich das meine? Es ist wie dieses Wort aus einem neutestamentlichen Brief: Dass es Gottes Güte ist, die uns zur Umkehr treibt...

E. Das kann ich schon eher nachvollziehen. Dann ist diese Umkehr aber nicht etwas, was von außen an mich herangetragen wird, sondern etwas, was aus mir selber kommt. In den biblischen Texten wird ja immer wieder gesagt, wie sehr Johannes einen Nerv der Zeit getroffen hat mit seinem Umkehrruf. Die Menschen kamen in Scharen zu ihm! Sie haben sich rufen lassen! Sie sind zu ihm in die Wüste gekommen! D.h. er hat etwas in ihnen angesprochen, was in ihnen schon da war! Vielleicht nur noch nicht so klar und deutlich. Sie standen in einem inneren Entwicklungsprozess. Die Veränderung floß aus ihrer Beziehung zu Gott. Im Grunde ist es ja das, was Johannes geschafft hat: Den Menschen bewusst zu machen, dass sie in einer Beziehung zu Gott stehen und welche Konsequenzen das hat!

A. Ja, genau, wenn auch mit einer ziemlichen Dramatik. Aber auch das kenne ich: Dass mir manchmal der kritische Blick eines anderen auf mein Leben Anstoß ist, in meine Beziehung zu Gott zurückzukehren, und etwas zu ändern. Um nicht am Ende das Ziel zu verpassen: Der Mensch zu werden, als den Gott mich gemeint hat. Das ist ja das eigentliche Verlorengehen und das, was die Bibel mit Sünde meint. Das griechische Wort für sündigen bedeutet: Sein Ziel verfehlen, sich selbst verfehlen, dem nicht gerecht werden, was Gott an Potenzial und Aufgabe in einen hineingelegt hat. Meiner Meinung nach kommt Vieles, woran wir als einzelne oder als Gesellschaft leiden, daher, dass so viele sich selbst und Gott verpassen...und das ist schon ernst.

E: Was meinst du denn, würde Johannes uns heute sagen?

A. Naja, um mal im Großen anzufangen: Wenn wir das ernst nehmen, dass Gott alle Menschen liebt, wie kommen wir dann dazu, als westliche Gesellschaften unseren Wohlstand auf Kosten des überwiegenden Teils der Weltbevölkerung und der Schöpfung zu leben? Was gibt uns das Recht, immer noch mehr zu wollen? Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass alle Menschen auf der Welt unseren Lebensstandard erreichen könnten. Dann wären die Rohstoffvorräte der Erde in 5 Minuten zu Ende...man bräuchte quasi eine zweite Erde, um das zu leisten. Und was gibt uns das Recht, um unseren Wohlstand zu halten, an einer Energieform festzuhalten, deren Unbeherrschbarkeit sich ja nun deutlich gezeigt hat? Den Tod Unschuldiger und die Unbewohnbarkeit ganzer Landstriche in Kauf zu nehmen, und zwar für Generationen, und die Heimatlosigkeit der Menschen, die jetzt dort gelebt haben?

E: An dieser Stelle sind wir in tragischer Weise in ein großes Ganzes verstrickt, aber die Wurzel in allem ist unsere Gier, auch unsere ganz persönliche. Da geht es um Verzicht, das fängt bei der Auswahl des Stromanbieters an, und ums Teilen....da, wo wir es können.

A: Und darum, auszusteigen aus dem Wettkampf: Mein Haus, mein Boot, mein Pferd...und um den 1. Preis im Kleinmachnower Hausfrauenwettbewerb um den schönsten Büffettbeitrag...

E: Es gibt Menschen, die radikal umkehren. Neulich kamen ein junges Paar zu uns nach Hause, die fragten uns aus über unsere Photovoltaikanlage auf dem Dach. Es stellte sich heraus, dass sie vor kurzem nach KLM gezogen sind und dass sie ganz ohne Geld leben. Sie zahlen ihre Miete nicht in Geld, sondern arbeiten dafür als Gegenleistung. Ich vermute auch, dass sie „containern“. Sie ernähren sich von dem, was die Supermärkte in ihren Containern entsorgen, Lebensmittel, deren Verfallsdatum in Kürze erreicht ist, die aber noch einwandfrei und genießbar sind.... Die beiden haben mich sehr beeindruckt. Sie setzen ein Zeichen mitten unter uns gegen die Konsumgesellschaft. Sie zeigen, dass sie anders leben wollen und dass es auch geht!

A. Und schon sind wir bei unseren Ängsten berührt, bei dem, was uns Johannes unheimlich macht, der in der Wüste lebte und sich von Heuschrecken ernährte...wir würden da doch zumindest diskutieren wollen, Heuschrecke gebraten oder gegrillt, und mit einem kühlen Weißwein, bitte...Also, im Ernst, ich glaube nicht, dass von jedem von uns ein solches Maß an Radikalität erwartet wird. Aber ich denke, erwartet wird die Einsicht in die eigene Maßlosigkeit, und Konsequenzen daraus: Was brauchen wir wirklich? Und es gibt ja noch viel mehr solcher Punkte, auch im näheren Umfeld...

E. Sollten wir es wagen, über Flugrouten zu sprechen? Fast jeder hat so ein Plakat an seinem Gartenzaun „Weg mit den Flugrouten“ - aber in den Urlaub fliegen und dabei noch möglichst billig, das wollen alle – ich auch! Und wenn die Flugrouten den Berliner Süden und Kleinmachnow verschonen werden, so sind es Mahlow und Blankenfelde, die das Nachsehen haben. Und käme der Flughafen doch nach Sperenberg, würden alle meckern über den weiten Anfahrtsweg. Ich habe das Gefühl, dass der „Wut-Bürger“ immer nur dann aktiv wird, wenn sein persönlicher Lebensraum berührt ist. Aber wer hat das große Ganze im Blick? Wer stellt in Frage, ob die Mobilität, das Billigfliegen, das maßlose Tempo, dem wir uns alle anpassen, gut für uns ist?

A: Du sprichst da was an...und da spürt man plötzlich auch was von der Schmerzhaftigkeit dieses „Nein“ und dass es nicht so leicht als Sektierertum in die Ecke zu stellen und abzutun. Dieses maßlose Tempo: Viele können in ihrem Berufsleben gar nicht damit Schritt halten, sie haben kein Privatleben mehr, sie sind immerzu gehetzt, sie kommen weder zu sich noch zu den Menschen, denen sie doch nahe sein möchten, deren Nähe sie doch brauchen und die sie brauchen. Und das wird weitergegeben...denn was wird dadurch aus den Familien? Wir müssen uns über schwierige e Kinder nicht wundern...und wo sind da die Personalchefs, die einen Blick haben für den Menschen, der vor ihnen steht, als Mensch, und nicht nur als lebende Ressource? Die sozusagen Gottes freundlichen Blick auf ihr Gegenüber haben?

E: Ja, solche Menschen fehlen – bzw. denen, die unter uns Verantwortung für Menschen tragen, fehlt oft der Mut, gegen die Herrschaft der Zwänge Menschlichkeit zu zeigen!......

A:...da kommen auf einmal zwei Welten ganz dicht zusammen: Die, die wir als „die echte“ empfinden, mit den Anforderungen des Existenzkampfes, und das, was wir für „privat“ halten...unseren Glauben. Da ist dann die Frage, welchen Maßstäben wir entsprechen wollen...und da wird die gesellschaftliche Dimension unserer Überzeugungen sichtbar, und dass sie möglicherweise einen Preis für uns hat. Wie für Johannes auch....Und zugleich ist das die Stelle, wo deutlich wird, dass das, was Jesus das „Himmelreich“ genannt hat, verwirklicht werden kann, soweit es auf dieser Erde eben geht: Indem wir Viele in unserem ganzen Leben so leben, wie es Gott entspricht...

E: Hm, ich weiß nicht, ob es an uns liegt, das Reich Gottes zu verwirklichen. Da höre ich lieber die Gleichnisse Jesu von den kleinen Anfängen. Und vom Wachsen. Aber „machen“ können wir es nicht. Ich will noch mal betonen: Meine Melodie ist: Wir sind angenommen von Gott, wie wir sind, mit unseren Fehlern und Schwächen, mit unseren Irrtümern und Umwegen...Das ist Gottes Ja zu uns. Es ist unumstößlich.

A. Und unsere Antwort auf sein großes Ja unser kleines Ja: Dass wir unser Leben als eine Antwort auf Gottes große Liebe und Freundlichkeit leben. Mit Fehlern, Schwächen, Irrtümern und Umwegen...aber unterwegs zum Ziel.

E + A: Amen.

E: Elke Rosenthal
A: Anne Müller-Thuns

Fürbitten

Lass uns hören auf die
die uns rufen
bereitet dem Herrn den weg
lass uns hören auf die
die sagen
lass ab von deiner gier
öffne deine hand
und gib dem
der dich bittet
dass das himmelreich
zu allen komme

Lass uns hören auf die
die uns rufen
bereitet dem Herrn den Weg
lass uns hören auf die
die sagen
du sollst den fremden nicht unterdrücken
den fremden nicht und auch nicht den, den du nur nicht verstehst
mach die schlagbäume auf
denn das himmelreich
ist allen heimat

Lass uns hören auf die
die uns rufen
bereitet dem Herrn den Weg
lass uns hören auf die
die sagen
hört auf mit der gewalt
liebt eure feinde
und fangt damit
bei euren freunden an
denn das himmelreich
hat platz für die verwundbaren

Lass uns hören auf die
die uns rufen
bereitet dem Herrn den Weg
lass uns hören auf die
die sagen
ihr seid nicht gott
hört auf
mit dem tod zu spielen
beugt eure knie
und seht ein
dass man nicht alles tun darf
was man tun kann
denn das himmelreich
wächst aus demütigen herzen

lass uns hören auf die
die uns rufen
bereitet dem Herrn den weg
lass uns hören auf die
die sagen
hör auf zu jagen
nach diesem oder jenem
erfolg liebe glück
öffne dein herz
dass gott darin wohnen kann
und das himmelreich
in dir blühe

Kyriegebet

Gott,
wir haben uns so daran gewöhnt,
dass die Welt so ist, wie sie ist:
arm und reich, oben und unten, glückliches oder unglückliches Schicksal.
Schnell halten wir das, was wir wahrnehmen, für unumstößlich,
und fühlen uns demgegenüber schwach und wirkungslos.
Gib uns einen neuen Blick auf die Welt, und lass uns unsere Kraft zur Veränderung spüren.
Wir rufen zu dir:

Kyrie eleison

Gott,
wir haben uns so daran gewöhnt,
dass wir sind, die wir sind.
Mit Ecken und Kanten, Schwächen und Fehlern. .
Schnell sind wir verzagt und erschöpft von unseren Versuchen, uns zu verändern,
und resignieren in Gewohnheit.
Gib uns einen neuen Blick auf uns selbst, und lass uns an die Kraft deines Geistes glauben.
Wir rufen zu dir:

Kyrie eleison

Gott,
wir haben uns so daran gewöhnt, immer zu hören: Du liebst uns.
Das hat uns auch bequem gemacht.
Lass uns dir auch zuhören, wenn du uns sagst:
Du musst etwas ändern, um meiner Liebe willen.
Und lass es uns auch tun.
Wir rufen zu dir:

Kyrie eleison

Copyright: Elke Rosenthal und Anne Müller-Thuns


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