Evangelische Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow


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MAZ vom 15. September 2008

Der „Feuerreiter“ kommt

Distler und Weill werden in Beziehung gesetzt

Thomas Mann

Die evangelische Kantorei Kleinmachnow beschäftigt sich intensiv mit dem Komponisten Hugo Distler. An diesem Wochenende gibt es dazu zwei Konzerte.

Hugo Distlers Werke prägen in diesem Jahr das Repertoire der evangelischen Kantorei Kleinmachnow. Mit zwei Konzerten heute um 20 Uhr im Bürgersaal im Rathaus Kleinmachnow und am morgigen Sonntag um 15 Uhr in der Kapelle des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs setzt die Kantorei nun Texte und Kompositionen Distlers mit Werken Kurt Weills in Beziehung.

„Wie verhält sich ein Künstler den Umständen seiner Zeit gegenüber?“ Diese Frage bewegte Kantor Karsten Seibt, die Gegenüberstellung der beiden Komponisten mit ihren unterschiedlichen Biographien in einem Konzert anzugehen.

Das Programmheft bietet neben von Distler vertonten Mörike-Liedern und dem Text von Weills „Ballad of Magna Carta“ eine geschichtliche Übersicht über das Leben der Künstler. Während Weill aus einer intakten Familie stammte, 1933 ins Exil ging, aber immer von seiner Musik leben konnte, war Distlers Lebensweg zwischen Selbstbehauptung und Anpassung von Ängsten geprägt. Ein schlichtes Holzkreuz auf Distlers Grab in Stahnsdorf erinnert an den Kopf der Erneuerungsbewegung der protestantischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert.

1908 in Nürnberg geboren, erfuhr er trotz turbulenter Familienverhältnisse eine frühe Förderung seines musikalischen Talents. Dem Studium in Leipzig folgte die Anstellung als Organist an der St. Jakobi-Kirche in Lübeck. Die meisten seiner geistlichen Kompositionen entstanden hier, darunter die „Weihnachtsgeschichte“, sein populärstes Werk. Distler reagierte auf Stress durch immense Arbeitsbelastung, Kritik und politische Einflüsse äußerst empfindlich. Trotz gelegentlicher Ausbrüche versuchte er dabei, Konflikte zu vermeiden. So ist auch sein Verhältnis zum Nationalsozialismus zu deuten. Anfängliche Begeisterung wich bald der Ernüchterung. Sein Beitritt zur NSDAP im Jahr 1933 schützte ihn nicht vor Kritik, die seine Musik gelegentlich als „negroid“ und „undeutsch“ abtat.

Als seine Gönner in Lübeck 1937 durch ihr Engagement in der „Bekennenden Kirche“ unter Druck gerieten, wich er aus und übernahm eine Dozentenstelle in Stuttgart. Mit seinen Kompositionen bewegte er sich nun stärker auf weltlichem Terrain, etwa beim „Mörike-Chorliederbuch“. Im Herbst 1940 übernahm er eine Professur für Komposition und Orgel an der Hochschule für Musik in Berlin. Trotz gelegentlicher Angriffe und der Einflüsse des NS-Systems auf die Kultur war er als Komponist und Lehrer anerkannt.

Kennzeichnend für sein Schaffen war, wie Karsten Seibt erklärt, dass jedes Stück „Ausfluss seiner seelischen Befindlichkeit“ war. Weltliche und geistliche Musik entstand mit der immer gleich intensiven inneren Beteiligung des Künstlers, die seinen Kompositionen einen ausgeprägten Personalstil verlieh. Seibt ist überzeugt, in den Werken Distlers persönliche Bedrängnis und die Auseinandersetzung mit äußeren Ereignissen zu erkennen. Mit dem Stück „Der Feuerreiter“ nach Mörikes Text verarbeitete Distler vermutlich die Erfahrung der Pogromnacht des 9. November 1938. Bei äußerer Stabilität – Distler lebte mit Frau und Kindern im eigenen Haus in Strausberg und wurde 1942 Leiter des Staats- und Domchors Berlin – litt er unter seelischer Bedrängnis. Aus Angst vor der Einberufung an die Front nahm er sich am 1. November 1942 das Leben. Trotz seines frühen Todes bleibt er nicht nur für die Kirchenmusik einer der beeindruckendsten Tonkünstler des 20. Jahrhunderts.


Hugo Distler (1908-1942) war einer der bedeutendsten Komponisten für Kirchenmusik.

 

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