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RSSPrint

Die Dorfkirche

Text - Uwe Scholz

Eine Dorfkirche ohne Dorf

Foto: Blumrich

Eine "Dorfkirche" in der eigentlichen Bedeutung des Wortes war die Dorfkirche von Kleinmachnow in den bisherigen 400 Jahren Ihres Bestehens eigentlich nur vorübergehend. Ursprünglich gehörte sie zum Gutshof der Grundbesitzerfamilie Hake und war Tochterkirche der Dorfkirche von Stahnsdorf. Sie dürfte für das "gemeine Volk" tabu gewesen sein und diente der Familie Hake zur Repräsentation, für exklusive Gottesdienste und für Begräbnisse.

Erst als um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Straßendorf Kleinmachnow entstand, fanden Sonntagsgottesdienste abwechselnd in Kleinmachnow und in Stahnsdorf statt. Da sich Kleinmachnow immer weiter nach Norden ausdehnte, befindet sich die Kirche heute am äußersten Rand des Ortes. Zur Zeit der Expansion Kleinmachnows in den 20-iger und 30-iger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde ein Gemeindehaus am anderen Ende des Ortes gebaut. Dieses wurde 1953 zur Auferstehungskirche erweitert. Seit die Dorfkirche 1993 aus dem Staatseigentum an die Gemeinde übertragen wurde, wird sie liebevoll restauriert. Genutzt wird sie zu besonderen Gottesdiensten, zu Hochzeiten und für viele Veranstaltungen. Zu solchen Anlässen "platzt sie aus allen Nähten". Als ältestes erhaltenes Gebäude ist sie für viele Einwohner Kleinmachnows das Bindeglied zur Vergangenheit ihres Ortes.

 

Spuren der Hakes

Der Bau der Kirche wurde in Auftrag gegeben durch Margarete von Hake. "Die Patronatsfamilie wollte sich weitgehende Privilegien sichern, ihre Verdienste darstellen, und der heilige Ort sollte zum Seelenheil der Verstorbenen beitragen."1 Familienmitglieder der Hakes wurden im 17. Jahrhundert im Innenraum der Kirche, um den Altar herum, bestattet. Später erfolgten die Bestattungen in der nachträglich angebauten Gruftkappelle an der Nordseite der Kirche. Zeugnisse dafür sind Grabplatten, Schausärge in der Gruftkappelle und Grablegen im Boden des Altarraumes. Die Hakes hatten sich 1539 noch vor dem Kurfürsten vom katholischen Glauben losgesagt. Die 1597 fertiggestellte Kirche neben der alten Hakeburg war dann auch eine der ersten evangelischen Kirchenbauten in der Mark Brandenburg. Die Idee einer exklusiven "Eigenkirche" für die Grundbesitzerfamilie und Bestattungen am Altar sind allerdings Relikte katholischen Brauchtums.

Ein Foto, das um das Jahr 1900 entstand, zeigt den Kirchenraum im reichen Schmuck von Wappen, Fahnen und Kränzen. An Leben und Taten von Mitgliedern der Hakeschen Familie erinnern heute noch Grabsteine, Epitaphien und Wappentafeln in der Kirche. Von der Patronatsloge, die vermutlich eingebaut wurde, als die Kirche für die Dorfbevölkerung geöffnet wurde, sind nur noch einige Stühle erhalten.

Foto: Blumrich

Das steinerne Sühnekreuz, das heute an der Friedhofsmauer lehnt (Foto), soll einer Legende nach an einen Junker erinnern, der von einem Hake auf offener Straße erstochen wurde, weil er sich heimlich mit dessen Ehefrau traf.

Insgesamt war die Kirche für die Familie Hake eine kostspielige Angelegenheit. Immer wieder mussten notwendige Reparaturarbeiten aus Geldknappheit unterbleiben. Ende 1759 beantragte Erdmann Friedrich von Hake sogar, die Stahnsdorfer Kirche "einzuziehen" und deren Vermögen auf die Kleinmachnower Kirche zu übertragen. Dies wurde vom König Friedrich II. jedoch nicht bewilligt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Hakes enteignet und das Gut ging samt der Kirche in Staatseigentum über.

Archtektur

Foto: Blumrich

Das Gebäude ist stilistisch als spätgotisch einzustufen. Kennzeichen dafür sind das Netzgewölbe und der Eingangsturm. Hohe, festungsartige Quertürme sind typisch für Kirchenbauten in der Mark Brandenburg im 13. bis 16. Jahrhundert. Auch die in den Kirchensockel eingemauerten unbehauenen Feldsteine sind typisch für den Baustil der Zeit. Sie können nicht als Beleg für das Vorhandensein einer früheren Kirche am selben Ort herangezogen werden. Ungewöhnlich ist, dass die Backsteinmauer unverputzt ist und aus unterschiedlich gefärbten Ziegeln besteht. Es sind sogar einige blau lasierte Ziegel eingefügt. Durch historische Quellen widerlegt ist die Legende, dass zwei Schwestern Auftraggeberinnen gewesen seien, die durch die unterschiedliche Färbung der Steine ihren Anteil am Bau kenntlich machen wollten.

Dass es sich um einen evangelischen Kirchenbau handelt, erkennen zumindest Kirchenhistoriker daran, dass das "raumgestaltende Prinzip" die Horizontale ist.

Im Kirchenraum sind die Fußbodenplatten noch weitestgehend original erhalten, im Altarraum wurden sie ersetzt. Von den ursprünglich drei Turmglocken wurde eine im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Die ursprüngliche Butzenverglasung der Fenster wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Gruften

"Kirchenbestattungen sind schon seit der Spätantike bekannt. Sie haben ihren Grund in der Vorstellung, dass von der räumlichen Nähe zu den Gräbern und Reliquien der Märtyrer und Heiligen am Altar deren Fürbitte und Beistand für die Zeit bis zur Auferstehung und zum Tag des jüngsten Gerichts zu erwarten sei."1 Kirchenbestattungen gehörten zu den Vorrechten, die nach dem "Decretum Gratiani" (erlassen um 1140) Bischöfen, Äbten, Priestern und verehrungswürdigen Laien (vor allem Kirchenstiftern!) vorbehalten waren.

Im Altarraum kamen bei Restaurierungsarbeiten im Winter 1993/94 vier Gruftanlagen zum Vorschein. Alle sind in christlicher Tradition in west-östlicher Richtung angeordnet. Drei der Gruften sind ziegelgemauerte Kammergräber mit Tonnengewölbe und einer Größe von ungefähr 2,60 m x 1,60 m. Die vierte Gruft ist ein Kammergrab mit Plattenabdeckung und 2,40 m x 1,14 m groß. Von anderen Anlagen aus der gleichen Zeit ist bekannt, dass sie zwischen 1,20 m und 1,80 m tief sind.

Die Gruftkappelle an der Nordseite der Kirche wurde von Ludwig von Hake 1703 in Auftrag gegeben. In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert wurden an vielen Kirchen der Gegend Grufträume angebaut. Einerseits kommt darin zum Ausdruck, dass der Platz in den Kirchenräumen knapp wurde, andererseits gehen Historiker davon aus, dass man sich durch Aufbahrung vieler Familiensärge in einer gemeinsamen Halle seinen Ahnen und Vorfahren verbundener fühlte. Im "Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten" wurden 1794 Bestattungen im Kirchenraum in Preußen generell verboten.

Prominentester Leichnam im Kleinmachnower Kirchenboden ist der des "berüchtigten Haudegens und Raufbolds"1 Hans Georg von Hake, der nach dem Mord am Cöllner Bürgermeister Johannes Wedigen 1637 vor der Laube des Cöllner Rathauses öffentlich hingerichtet wurde.

Heimkehr

Die Holzplastik im Vorraum neben dem Eingang zum Kircheninneren nannte Hermann Lohrisch "Heimkehr". "Ihr liegt Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk. 15) zugrunde. Zunächst war es eine Zeichnung, die Hermann Lohrisch 1958 auf der Augustusburg schuf. Sie entstand in einer Zeit innerer Emigration, wie er selbst sagt. Nach dem Erleben der Feuernacht von Dresden 1945 und unter dem Eindruck einer neuerlichen Bedrohung durch die Auswirkungen menschenverachtender und seelenloser Gewalt sucht ein Mensch seine Sehnsucht auszudrücken, seine Sehnsucht nach Geborgenheit. Zugleich aber ist für ihn diese Bildgeschichte mit der Gestalt des Vaters auch ein Aufruf, einander zu tolerieren, den anderen anzunehmen oder, biblisch gesprochen, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Vor-Bild für diese Zeichnung war für Hermann Lohrisch das Bild Rembrandts Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669). Plastische Gestaltung fand die Zeichnung 1971/72 in Kleinmachnow [...]. Seit 1982 steht diese Plastik am Ein- und Ausgang der Kirche. Sie soll nicht nur ein Bild sein. Sie mag dem, der eintritt, eine Einladung werden und dem, der wieder nach draußen geht, eine Erinnerung bleiben: es gibt für uns alle eine Heimkehr, sie ist unsere letzte Geborgenheit."1

Friedhof

An der nördlichen Kirchenmauer finden sich die Grabsteine einiger hier begrabenen Mitglieder der Familie Hake. Darunter sind die Gräber von Dietloff und Auguste von Hake, der letzten hier begrabenen Familienmitglieder vor der Enteignung der Familie. Auf der anderen Seite des Friedhofs wurden bis 1980 noch Kleinmachnower bestattet.

Besuchszeiten

Foto: Blumrich

Die Kirche ist sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr (April bis November) und zu Gottesdiensten, Konzerten und Veranstaltungen geöffnet.

 

weitere Informationen

Ausführliche Informationen und eine kirchengeschichtliche Einordnung der Innenausstattung der Kirche finden Sie in den als Quelle für diese Zusammenfassung benutzten Broschüren. Die Broschüren liegen in der Dorfkirche und im Gemeindehaus aus.

 

 

Der Altar (vollständig ausgeklappt)
Foto: Blumrich

Quellen

1  H. Faensen, B. Faensen, R. Elliger, Die alte Kirche in Kleinmachnow, Hrsg.: Gemeindekirchenrat der Evangelischen Auferstehungs-Kirchengemeinde in Kleinmachnow, 1997

2   B. Engel, Die Dorfkirche zu Kleinmachnow, Verlag Wiesjahn GmbH, 1997