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RSSPrint

Invocavit, 21.02.2021

Johannes 13, 21-30 – Pfarrer Jürgen Duschka

Liebe Gemeinde!

heute ist der 1. Sonntag der inneren und äußeren Einkehrzeit. 6 Wochen liegen vor uns. Eine relativ lange Zeit der Vorbereitung auf das große Fest des Lebens. Da können wir langsam beginnen und uns von Woche zu Woche an Ostern herantasten.

Doch die Texte des heutigen Sonntags gehen bereits aufs Ganze. Es geht um die Werke des Teufels im Wochenspruch, um die Versuchung durch ihn im Evangelium und um den Teufel in Gestalt des Jüngers Judas Iskariot. Gleich zu Beginn der Fastenzeit wird uns die dunkle Seite des Lebens, werden uns die menschlichen Abgründe, unsere Ängste, Zweifel und Nöte durch die folgende Geschichte vor Augen geführt.

Gerade ist das liebevolle Ritual der Fußwaschung beendet, da ergreift Jesus das Wort: Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wußte, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder daß er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Die Nacht breitet sich aus. Es wird dunkel um Judas herum. Warum tut er das, seinen besten Freund für 30 Silberlinge verraten? Es gab viele psychologische Deutungen durch die Jahrtausende hindurch.

Tat er es aus Geltungssucht? Reichte ihm das Amt des Kassenwarts unter den Jüngern nicht aus?

Oder war es enttäuschte Liebe? Fühlte er sich durch den Lieblingsjünger, der an der Brust Jesu ruhen durfte, zurückgesetzt?

Oder handelte er aus ganz edlen Motiven und wollte das Verborgene ans Licht bringen? Jesus sollte sich endlich zum Messias bekennen und damit das Heil seinen Lauf nehmen.

Wir könnten noch zahlreiche Deutungsversuche hinzufügen. Auch hier ist es dunkel um Judas herum. Er ist und bleibt ein Teil der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen, die wir nur teilweise verstehen, denn sie ist ein Wunder, wundervoll trotz des Dunkels jener Nacht.

Diese Geschichte dreht sich natürlich um Judas, den Verräter. Sie ist aber auch ein Spiegel für uns alle. Jesus spricht zu seinen Jüngern, einer von euch wird mich verraten. Da schauen sie sich untereinander an und es wird ihnen bange, von wem er wohl redete!

Sie hätten doch auch sagen können, ich doch nicht! Ich würde so etwas niemals tun! Stattdessen erkundigt sich Petrus bei Jesus. Jeder hätte es wohl den anderen zugetraut. Hier gibt es nicht nur schwarz oder weiß.

Was Judas tat, wird dadurch nicht besser. Aber haben wir das Recht dazu, uns über ihn zu erheben? Wie viel von ihm steckt in jedem der Jünger und auch in uns selbst? Dazu brauch man nicht den Satan bemühen. Da reicht bereits die Erkenntnis, der Fehlerhaftigkeit der Gattung Mensch.

So verstehe ich diesen Gottesdienst mit seinen Texten als Anregung, über unsere nächtlichen Dunkelheiten nachzu-denken. Mir fallen dabei Gelegenheiten ein, bei denen ich mehr Judas als Lieblingsjünger war. "Verrat" kann viele Gesichter haben. Das muß gar nicht spektakulär sein. Es reicht bereits an richtiger Stelle zu schweigen, statt sich zu bekennen. Aus Trägheit oder Eigennutz nicht zu handeln, ist manchmal verletzender als das Falsche zu tun.

Fasten ist bewusster Verzicht. Diese Geschichte fordert uns dazu auf, alles zur Seite zu tun, das uns den nüchternen Blick auf uns selbst verstellt. Die Vorbereitung auf Ostern, das Fest des Lebens, ist ein Weg zu uns selbst. Nur wer die eigene Dunkelheit kennt, die Verletzungen, die wir anderen und damit auch uns zugefügt haben, wird sie nicht nur aushalten lernen, sondern auch den nächsten Morgen erwarten können.

Der Gedanke der Jünger: Könnte ich's sein?, erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr sympathisch. Er ist Ausdruck dieses unverstellten Blicks auf uns selbst. Ja, auch das gehört zum Leben, seine lebensabträgliche Seite.

Ein realistischer Blick ist immer gut, er hilft uns auch jetzt. Aber natürlich möchten wir alle nicht mit so vielen negativen Gedanken durch diese Zeit gehen. Da gibt es ja bereits genügend Dinge, die uns depressiv stimmen könnten. Die Fastenzeit ist keine Zeit der Depressionen, ganz im Gegenteil, sie ist für mich Urlaub für Seele und Körper. Eine Auszeit, eine Unterbrechung unseres Alltags.

Deshalb bleibt unsere Geschichte nicht in der Nacht stehen. Natürlich, das Unheil nimmt durch den Verrat des Judas seinen Lauf. Ohne ihn wäre es nie zur Verurteilung Jesu gekommen, nicht zur Kreuzigung und auch nicht zu seiner Auferweckung am Ostermorgen. Ohne das Unheil, das durch diesen Verrat begann, hätte es nicht Gottes Heil für alle Menschen in Jesus gegeben.

Gottes Heil, die Wendung zum Guten kann nur durch das vorherige Unheil, den Verrat geschehen. Bedeutet das dann etwa auch, daß ohne das Böse keine Erlösung geschehen könnte? Das wäre eine für mich rückwärts gewandte Deutung, die dem Bösen zu viel Aufmerksamkeit und damit Macht gibt.

Ja, es gibt das Dunkel des Lebens, es gibt solche Nächte wie für Judas. Gott sei Dank bestimmen sie nicht das gesamte Leben. Gottes Heil bricht sich seine Bahn trotz der dunklen Seite des Lebens oder gerade deshalb.

Am Beginn der Fastenzeit kann dieser Text unsern Blick auf uns und das Leben schärfen. Er läßt uns aber nicht in Depression und Verzweiflung zurück. Er spannt den Bogen bereits bis zum Ende hin. Die Nacht wärt nur eine kurze Zeit. Sie ist bereits im Begriff zu schwinden. Gottes Heil setzt sich durch.

Wie heißt es im vorhin gelesenen 91. Psalm? Ich bin bei dir in der Not. Ich will dich herausreißen und zu Ehren bringen.

Amen.

Telefonandacht Aschermittwoch, 17.02.2021

Telefonandacht am 17.02.2021 - Prädikantin

Liebe Telefongemeinde,

ich begrüße Sie zu unserer Telefonandacht zum Aschermittwoch.

Auch hier sind wir zusammen
im Namen des Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes.
Amen.

Ich lese uns Verse aus Psalm 139.

HERR, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
Es war dir mein Gebein nicht verborgen, / da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde.
Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. 24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Liebe Telefongemeinde,

Heut ist Aschermittwoch. Der Tag, an dem uns sonst ein aschenes Kreuz auf die Stirn gezeichnet wird. Begleitet von zwei Worten: Von Erde bist du genommen, und zu Erde musst du wieder werden. Oder: Kehr um und glaube an das Evangelium. Im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Worten ereignet sich Aschermittwoch.

Von Erde bist du genommen, und Erde musst du wieder werden.

Ja, so ist das. Erde sind wir. Geschaffene Wesen, nicht die Schöpfer. Vergängliche Wesen, nicht unsterbliche Götter. Nicht einmal Superhelden. Wir sind, wie der Apostel Paulus es beschreibt, „irdene Gefäße“. Zerbrechlich, nicht besonders belastbar. Nicht so perfekt und schick im Design. Wir sind Wesen mit Grenzen. Erde eben.

Unsere Grenzen merken wir während dieser Zeit vielleicht deutlicher als sonst. Grenzen unserer Geduld. Grenzen unserer Belastbarkeit. Grenzen unserer Selbstdisziplin. Grenzen unseres guten Willen. Grenzen unserer Hoffnung Und vor allem: Grenzen unserer guten Laune.

Die Pandemie verlangt uns viel ab. Und wir merken: Wir sind bloß Erde.

Ist diese Erkenntnis nun Anlass zur Traurigkeit?

Ich finde, Aschermittwoch ist vor allem ein sehr befreiender Tag. Ein Tag der befreienden Wahrheit:

Du musst nicht mehr sein, als du bist. Von Erde bist du genommen, und zu Erde musst du wieder werden. Deine Fähigkeiten, dein Vermögen, dein Geschick sind endlich. Begrenzt, irden. Du bist nicht mehr, du bist nur das, und du musst nicht mehr als das sein. Du kannst es auch gar nicht. Du kannst all die riesigen Anforderungen an dich loslassen. All diese überhöhten Vorstellungen davon, was du leisten , tun, sein müsstest. Du kannst einfach sein. Wie du bist. Wie du wirklich bist. Brutto, inklusive. Mit dem, was gut ist. Mit dem, was nicht gut ist. Du kannst deine Grenzen anerkennen: Denn Von Erde bist du genommen. Und nichts hat die übergroße Bedeutung, die uns häufig suggeriert wird: Denn Erde musst du wieder werden. .

Aschermittwoch ist ein befreiender, ein ehrlicher Tag.

Und dass das so sein kann, liegt an dem anderen: Kehr um, und glaube an das Evangelium.

Glaube an das Evangelium, die gute Nachricht, dass Gott dich liebt. Die gute Nachricht, dass alles, was Jesus getan hat und worüber wir die nächsten 7 Wochen im Einzelnen nachzudenken Gelegenheit haben werden, seine Wurzel in der Liebe Gottes zu uns hat. Dass Seine Passion, sein Leben und Leiden hier auf der Erde, Gottes Passion für uns entspringt. Seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns. Dass wir , dass du bei Ihm, in Ihm aufgehoben bist. in Zeit und Ewigkeit. Dass du ganz und gar erkannt und gesehen bist, wie es der Psalm vorhin beschreibt, einmal durch bis auf den Grund der Seele, brutto und inklusive, und trotzdem nicht verworfen. Erkannt in allen Fehlern, Schwächen und Irrtümern. Du kannst die anstrengenden Selbstoptimierungsversuche und die Verteidigungsstategien sein lassen: Du bist geliebt.

Diese Passion Gottes für uns, diese Liebe zu uns erlaubt auch uns den Blick auf das, was fehlt. Was wir sonst schwer aushalten, schwer zulassen können. Den Blick auf das, was schmerzt. Was nicht gut war. Wofür wir uns schämen. Was wir sehr gerne besser gemacht hätten. Was wir versäumt haben, und es ist nicht mehr zu ändern.

Alles kann angesehen und ausgehalten  werden, unter diesem Blick der Liebe. Der nichts beschönigt: du bist bloß Erde. Aber der uns zugleich spüren lässt: wir sind die Geliebten.

Alles kann angesehen und ausgehalten werden, und unter diesem Blick der Liebe kann alles besser werden. Heil werden. Vergeben werden. Neu werden.

 „Kehr um uns glaube an das Evangelium“.

Kehr um: das ist schon nötig, dass wir den Blick in die richtige Richtung bekommen. Wir werden der Liebe Gottes nicht gewahr, wenn wir uns nicht Zeit nehmen, sie wahrzunehmen. Das ist der eigentliche  Sinn des Verzichts, den wir in der Fastenzeit üben: Zeit haben für das Wesentliche. Für Gott. Uns nicht vertändeln im Alltäglichen, in den vielen Ersatzbefriedigungen, die unsere eigentliche tiefe Sehnsucht verdecken und oft auch vor uns selbst verbergen.  

In diesem Jahr der vielen aufgenötigten Verzichte möchte ich Sie lieber einladen zu „7 Wochen mit“ als zu 7 Wochen ohne.

Zu 7 Wochen mit dem Gott, dessen Geliebte wir sind. 7 Wochen mit dem Gott, der eine Passion für uns hat.

Vielleicht nehmen Sie sich am Tag einfach eine Viertelstunde Zeit. (Wenn Sie unbedingt auf etwas verzichten möchten, können Sie sich ja überlegen, was Sie sonst in dieser Viertelstunde gemacht hätten.  Netflix geguckt, Nickerchen gemacht,  Chips gegessen, Whatsapps geschrieben oder online geshoppt. Dann haben Sie auch ein „ohne“ in der Fastenzeit.)

Nehmen Sie sich eine Viertelstunde mit Gott. Vielleicht, wenn um 18 Uhr die Konfirmanden die Glocken läuten. Mit einer Kerze. Nur Sie und Gott, ganz privat. Candlelight ohne Dinner, sozusagen. Und nutzen die Zeit, um sich einfach von Gott angucken zu lassen. Seine Liebe Ihr Herz wärmen zu lassen. Um über seine Liebe nachzudenken. Sie in Ihr Herz fallen zu lassen.

Vielleicht schreiben Sie sich auf, was Ihnen in dieser Zeit einfällt, was hochkommt in Ihnen. Sorgen, Ängste, Ärger, Neid, Erschöpfung, Trauer…reden Sie mit Ihm drüber. Oder mit einer kompetenten Person Ihres Vertrauens.

Dieses Angesehenwerden von Gott verwandelt uns mehr als alle guten Vorsätze. Als alles eigene Bemühen um Perfektion. Die Erfahrung Seiner Liebe verleiht uns die Resilienz und innere Stärke, die wir so dringend brauchen im Moment.

Von Erde bist du genommen, und Erde musst du wieder werden.
Kehr um, und glaube an das Evangelium.
Amen.

Statt eines konventionellen Bußgebetes möchte ich mit Ihnen ein kurzes Gebet der Sehnsucht und der Umkehr beten. Sie kennen vermutlich den Text.
1. Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
Bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich? (2x)
2. Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt
Bringe ich vor dich.
Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich? (2x)
3. Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit
Bringe ich vor dich.
Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich? (2x)
4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit
Bringe ich vor dich.
Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich?

Gemeinsam beten wir:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name
Dein Reich komme
Dein Wille geschehe
Wie im Himmel, so auf Erden
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung,
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Denn dein ist das Reich
Und die Kraft
Und die Herrlichkeit
In Ewigkeit
Amen.

Kommen Sie gut durch den heutigen Tag und die Passionszeit, die vor uns liegt.

Behütet von dem Gott, der eine Passion für uns hat.

Es segne und behüte uns
der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn. und der Heilige Geist.

Amen.

Estomihi, 14.02.2021

Jesaja 58, 1-9a – Pfarrerin Heike Iber

Liebe Gemeinde,

nächste Woche wird es ernst… haben Sie sich schon Gedanken gemacht und überlegt, wie Sie es dieses Jahr halten werden mit den Sieben Wochen ohne? Bewusster Verzicht auf…?
Bewusstes Leben indem…? Vielfältige Möglichkeiten bieten sich hier an.
Denn ab nächste Woche beginnt im Kirchenjahr die Passionszeit – wir bereiten uns vor, wir bedenken, was da an Karfreitag und Ostersonntag bedacht wird.
Daraus ist die Tradition des Fastens geworden: der bewusste Verzicht, die intensive innerliche Einkehr – eine fragende Einkehr, um sich für Gott und die eigene Beziehung zu ihm neu zu öffnen.
Doch noch sind wir an der Schwelle vor dieser besonderen Zeit – noch ist es nicht so weit.

Der heutige Predigttext macht sich Gedanken zum Fasten.
Im Ersten Testament wird der ein Prophet von Gott losgeschickt, damit er den Menschen deutlich macht:
Ihr könnt so viel fasten wie ihr wollt, doch wenn es an der Grundidee des Fastens vorbei geht, dann ist es nichts wert.

Hören wir auf den heutigen Predigttext wie er bei Jeseja 58 steht.

Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.  Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Die Passage macht deutlich: Die Menschen können nicht einfordern – wir habengefastet und nun bitteschön, Gott, wende Du dich uns zu… Der Prophet erfährt es ganz deutlich: wer so denkt, verliert Gott aus dem Blick. Fasten ist kein Selbstzweck.
In diesem Text wird klar gesagt – eigentlich geht es nicht um den Verzicht von Irgendetwas, sondern um das rückhaltslose Hinwenden zu anderen Menschen.
Denn so geht der heutige Predigttext weiter:

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Die Tür, die im Fasten zu Gott gesucht wird, öffnet sich nur, indem ich mich meinen Mit-Menschen hinwende. Wenn ich andere MIT-Bedenke! Nackte kleiden, Obdachlose ins Haus führen – ganz konkrete Angaben, die mir besonders in dieser klirrenden Kälte ins Auge fallen…
Klare Worte – ganz konkret. Kein Darum-Gerede-nein, hier – bitteschön, hier ist deine Hilfe nötig.
Schärfe deinen Blick, dann ist vieles möglich – die Einrichtung der Kältebusse z.B. reagiert auf die Notsituation der Menschen, die gerade kein wärmendes Dach zur Verfügung haben. Wahrnehmen, Kontakt aufnehmen und ggf. das Handy zur Hand nehmen und die Nummer des Kältebusses wählen. Sich nicht scheuen, denn Vorsicht kann hier tödlich sein.

Beeindruckt bin ich von den gepflegten Boxen über dem überdachten Eingang des Schloßstr an der U 9. Sortiert nach Inhalt haben da Menschen Gelegenheiten, Dinge zu spenden, die sich andere, die der Sachen benötigen, nehmen können. Beeindruckt nehme ich das Projekt wahr.
Das Projekt heißt Gabenzaun und wurde zu Beginn der Pandemie von der Freiwilligenagentur Steglitz-Zehlendorf initiiert, weil schnell klar wurde, dass auch materille Not der Menschen gerade auch durch die Auswirkungen von Corona wächst. Oft liegen die Boxen auf meinem Weg und ich bin beeindruckt und ziehe meinen imaginären Hut, wie gut dieses Projekt läuft.

Klar braucht es auch immer das klare Bestreben gesellschaftlich ein Wandel mitzugestalten, dass Phänomen der Obdachlosigkeit, der Verarmung ganzer Teile der Gesellschaft nicht mehr vorkommen – sicher. Aber bis dahin ist es unsere Aufgabe, unsere Tür, in unsere Verantwortung in dieser Welt – Dinge wahrzunehmen, sich ggf. mit anderen zusammenzutun und zu handeln. Der Gabenzaun aus dem Projekt wird heute für mich dazu zum Synonym – unsere materiellen und immateriellen Gaben können auch recht einfach aus uns heraus purzeln und Großes bewirken.

Mir gefällt die klare Botschaft auf die der Text zuläuft – Hinwendung. Sich nicht verstecken in dem Verständnis, dass mir die Aufgabe zu groß ist. Nein, hinsehen, Not erkennen, Verbündete suchen und etwas gegen den erkannten Missstand unternehmen.
Brich mit den Hungrigen das Brot heißt es dort u.a. auch noch. Brot brechen – Not lindern, teilen, abgeben – Stichworte, die mir in den Sinn kommen. Miteinander essen – Feste feiern, Gemeinschaft im Abendmahl erleben – weitere Aspekte. Das fehlt vielen gerade jetzt in dieser Zeit.

Doch es heißt in diesen Zeiten immer noch und besonders mir überlegen, wo jemand in meiner Umgebung Brot für die Seele / für das Herz brauchen könnte – und was es wäre…
Ein Anruf, ein Brief, ein Schnack über den Zaun – alles nicht Dinge, die die Welt neu erfinden, aber Balsam für die Seele – Lebensbrot für das Herzen…
Doch nicht zögerlich sein… einfach machen! Versuchen, ausprobieren….

Das Neue Testament greift gerade diese Passage des heutigen Predigttextes auf in Mt 25. Dort heißt es: Was ihr dem Geringsten unter den Menschen getan habt, das habt ihr mir - Gott - getan. Die Tür zu den Mit-Menschen führt zu Gott selber. Da ist er und erwartet uns – in der Not des anderen / der anderen!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten…

Dann wird meine Heilung voranschreiten, dann wird wie die lang erwartete Morgenröte nach tiefer Nacht mein Licht zu leuchten beginnen… dann wird mein aktives und zugewandtes Handeln auch mir zum Brot des Lebens werden.
Durch meine kleinsten Aktivitäten werden ich mich selber aktivieren können, um selber nicht unterzugehen in dieser Zeit, die etwas Schweres, Hoffnungsslos-Resginatives haben können…

Auch im heutigen Evangelium heißt es: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden an seiner Seele nimmt?“

Meine Zeit steht in Gottes Händen – es gilt in diesen Zeiten bewusst zu leben – im Fasten und im Handeln.

Amen.

Sexagesimae, 07.02.2021

Was aus Worten wird: Lukas 8, 4-8 – Pfarrer Klaus Möllering

Dieses Gleichnis vom scheinbar verschwenderischen Sämann, das Jesus erzählt hat, haben wir eben ja schon als Evangelium gehört. Der Sämann, der schwungvoll und mit vollen Händen aussät. Und selbst wenn dabei immer wieder mal was daneben geht – mit dem Saatgut, das am Ende aufgeht, wird sich alles lohnen, erzählt das Gleichnis. Worte sind vielversprechend, wie Samenkörner, Glaubensworte allzumal. Wenn sie irgendwo auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sie dort wirklich wurzeln, kann daraus Großes wachsen, wollte Jesus damit sagen. Schöne Geschichte!

Aber im Augenblick geht doch zuviel daneben. Denn die moderne Version dieser Heilsgeschichte könnte man eher so erzählen: Da sollte eine großartige, lebensrettende Impfkampagne übers Land kommen. Viele schoben sie an: die EU bestellte viele Millionen, Minister und Ministerpräsidenten machten große Versprechungen, Verwaltungsleute planten, Experten berieten. Große Erwartungen. Vielversprechender Impfstoff.

Aber dann fielen die Hälfte der Impfdosen ins Nichts - sie fielen völlig aus: Plötzliche Produktionsprobleme und Lieferengpässe. Einfach so. Völlig überraschend.

Andere Impfdosen wurden schon ausgeliefert, immerhin, aber die Organisation hakte. Der Impfstoff stand zu lange herum, wurde warm. Musste manchmal weggeworfen werden, statt Leben zu retten. Schade.

Andere sahen einfach keine Impfdosen, sie hätten zwar zu gern einen Impftermin bekommen. Viele jenseits der Achtzig, sogar über Neunzig, aber die sollten sich doch bitte alle einzeln um einen Impftermin bemühen, hieß es. Dabei verloren die alten Leute überall im Land gegen die Tücken der Technik: Immer war die Hotline besetzt, Tag für Tag. Oder sie sollten einen Termin im Internet beantragen, waren aber einfach nicht schnell genug dafür. Schwupps, waren alle Termine weg, an jedem Tag das Gleiche. Und viele aus der Gruppe der Hochbetagten wussten überhaupt nicht, wo und wie: Welcher Link? Was ist überhaupt ein Link? Oder dieser QR-Code – wer kein Smartphone hat, kann damit rein gar nichts anfangen. Da steckte der Teufel im Detail. Und in der bornierten Verwaltung.

Andere wiederum fielen unter die Impfskeptiker. Die Gefahr sei groß, hieß es. Oder: Es gebe gar keine Gefahr. Wer wusste das schon so genau. Also suchten sie sich Futter für ihr wachsendes Misstrauen in dubiosen Quellen im Internet. Dachten: Selbstgesucht, selbstgefunden, irgendwas könnte da doch schon dran sein. So wucherten die dornenreichen Argumente der Querdenker über das bisschen Sachkenntnis, das die Skeptiker hatten. Und erstickten alles. Verstand, Vertrauen – alles vertrocknete darunter.

Andere wiederum hatten auf ein Impfteam gesetzt, das ins Haus kommt – wir im Augustinum etwa waren da eine Weile ganz zuversichtlich. Macht ja auch Sinn, 300, 400 Menschen, Bewohner wie Mitarbeiter, so auf einmal zu impfen. Damit die quälende Isolation endlich vorbei geht, die bislang die Ansteckung vermeiden soll; die wächst mit den Mutationen ja wieder. Eine tödliche Gefahr gerade für die, deren Lebenszeit ohnehin absehbar ist, wo jeder Tag umso mehr zählt und kostbar ist. Aber dann hieß es: Nein, daraus wird nichts, auf unabsehbare Zeit. Wir sollten uns einreihen, wie andere auch. Aber Einzeltermine, irgendwo weit weg, für die Bettlägerigen? Jetzt können selbst die über 100-jährigen im Augustinum sehen, wo sie bleiben. So fragil, wie ihre Verfassung manchmal ist. Wir schützen die Schwächsten zuerst? Große Worte, leere Versprechungen.

Das war nun die großartig angekündigte Impfkampagne? Nur manchmal war es anders, wenn auch immer nur woanders: nur von irgendwem in Berlin hörte man mal, nur von Einzelnen in Potsdam hieß es, dass sie schon eine Impfung bekommen hätten. Nur wer wirklich auf einer Covid-19-Station arbeitet, nur wer in der Charité Dienst tut und da gefährdet ist, nur manche, die in einem Pflegeheim liegen, irgendwo anders, die hätten schon eine Impfung erhalten. Da kommt natürlich Neid auf – Impfneid.

„Anderes fiel auf gutes, fruchtbares Land“, heißt es in Jesu Gleichnis vom Sämann. Land? Also Impfwillige? Davon wären genug da für die Impfdosen, trotz mancher Skepsis. Aber nur 2 bis 3 Prozent der Deutschen haben bislang eine Impfung bekommen. Mit immerhin 95%igem Schutz. Nicht ganz der hundertfältige Erfolg, den der Sämann in Jesu Gleichnis hatte, in dieser Heilsgeschichte. Unsere klingt derzeit doch eher wie eine Unheilsgeschichte.

Immer kommt irgendwas dazwischen. Da erkennen wir unser Schlamassel durchaus wieder in diesem alten Gleichnis vom Sämann - einer Geschichte aus dem Leben. Zu dem die Fragen gehören: Tun wir wirklich alles Menschenmögliche, um dem Unheil zu wehren? Damit auch für uns aus dieser Unheils- endlich eine Heilsgeschichte wird? Warum geht alles nur so langsam voran, warum klemmt es überall? Wer hat was falsch gemacht?

Menschliches Versagen, menschliche Schwächen. Die dornige Realität. Der Teufel im Detail. Daran muss es liegen, dass aus großer Hoffnung erst mal nur kleine Erfolge wachsen. Und die Katastrophe einfach nicht so schnell endet. So ist die Reaktion bei uns, heute.

Und das war auch die Erklärung, die Lukas damals Jesus in den Mund legte. Denn da verstand auch keiner: Warum so viel schief geht, warum unter der jungen Christenheit so viel Furcht vor Verfolgung herrscht. Warum so viele darin wankelmütig werden. Warum die Saat Jesu so oft gerade nicht aufgeht, immer wieder unter die Räder kommt, wie verschwendet erscheint. Warum das mit dem Reich Gottes, mit der versprochenen hellen Zukunft nicht schneller geht. Das ist wie im Leben, war die Erklärung Jesu: Manches bleibt auf dem Weg liegen, manches kommt da unter die Räder, manches fällt auf den Fels oder unters Unkraut, manches fressen die Vögel. So ist das. Mit Schwund musst Du rechnen!

Nein, ich erzähle euch keine Unheilsgeschichte, höre ich Jesus aber zwischen den Zeilen seines Gleichnisses sagen: Es ist so: diese Geschichte schützt euch nicht vor der Katastrophe, es vertreibt sie nicht. Sondern ich erzähle sie und sie hilft genau in solchen schweren Zeiten. Am Ende wird es gut werden für die, die ihr Vertrauen behalten. Und wenn es noch nicht gut ist, ist das noch nicht das Ende. Eigentlich, so höre ich als Erklärung Jesu aus seinen ureigenen Worten heraus, eigentlich geht es nicht darum, wer schuld ist. Sondern darum, wer weiter vertraut, wer dran bleibt, wer sich nicht entmutigen lässt von der dornigen Realität, wer sich nicht einschüchtern lässt von der Sorge. Die werden am Ende merken, dass sich ihr Vertrauen mehr als gelohnt hat. Hundertfach! Das war in einer Zeit, als es noch kein Hybrid-Saatgut gab, unvorstellbar viel.

Aber Lukas selbst, und nicht viel anders Matthäus und Markus, die auch beide Jesu Gleichnis vom Sämann in ihrem Evangelium erzählen, auch die hatten es schon schwer mit ihrem Vertrauen. Denn auch sie selbst konnten diese drängende Frage nicht gut aushalten: Wie lange noch? Sie hatten keinen, der ihnen versprach: Bis zum Ende des Sommers! Kein Gedanke! Stattdessen sahen sie Flachwurzler! Schönwetterchristen! Wankelmütige! Problemlinge! Der Reichtum ist schuld! Der Teufel! So machten sie aus der Vertrauensgeschichte Jesu mit ihren eingeflochtenen Erklärungen, wer eigentlich was falsch macht und warum, eine Mahn- und Warngeschichte. 

Meine Erfahrung als Seelsorger ist – und das nicht nur in Pandemiezeiten: Mit Mahnen, Warnen, Vorwürfen kommen wir da nicht weit. Mit Mutmachen dagegen , mit Worten, die trösten, schon eher. Und mit Zusammenhalt und Aufmerksamkeit füreinander, mit fürsorglichen Gesten wenigstens, wenn freundliche Umarmungen zu riskant sind; mit Menschlichkeit und, ja: mit dem eigenen Vorbild stärken wir unsere Ausdauer wie unser Vertrauen zueinander viel mehr.

Die Entscheider etwa tun das, die Menschen mit Muskelschwund oder Leukämie jetzt schneller impfen lassen. Die Ausnahmen machen und damit nicht nur Leben retten, sondern unsere Menschlichkeit.

Auch die Frau aus dieser Gemeinde, die sich wiederholt mit persönlichen Briefen an Bewohner im Augustinum gewandt hat, weil sie weiß, wie sehr solche Zeichen der Verbundenheit zählen in der langen Einsamkeit.

Die ausdauernden Menschen bei uns in der Nachbarschaft machen das, die nun schon ein Jahr lang, ein ganzes Jahr! tapfer für ihre alten Nachbarn einkaufen, die sich in großer Sorge vor Ansteckung so eingebunkert haben.

Wir kommen auch auf verrückte Ideen dabei: Rotwein online neulich, vor dem PC. Das ist nicht dasselbe wie ein Rotweinabend unter Freunden früher. Aber wenigstens sehen wir mal, wie auch die anderen ohne Friseur zurechtkommen.

Wir können Künstler empfehlen, die mit wunderbarer Musik auch online das Herz weiten können. Auch wenn derzeit für so vieles Schönes leider Winterzeit ist.

Ja, es ist für uns moderne Menschen, die immer alles im Griff haben wollen, die rasch in den Anspruch verfallen: Da müsste doch jemand, warum klappt das nicht schneller – es ist schwer für uns, das auszuhalten: Es dauert nun mal seine Zeit. Und manches klappt auch nicht. Aber unser Vertrauen wird sich am Ende lohnen! Das ist Jesu Botschaft für uns.

Nein, das sind alles keine Wunder. Die verspricht Jesus auch nicht – solange seine Saat noch nicht aufgegangen ist. Bis zur Ernte! Bis dahin ist das Leben nun mal so dornig, hart, dürre, anstrengend, wie es eben ist. Aber dann werden wir sehen, dass das Wunder darin lag, dass wir so lange vertrauen und zusammenhalten konnten und uns nicht vom Acker gemacht haben.

Amen.

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31.01.2021

Predigt zu 2. Petrus 1, 16-19 - Pfr. Jürgen Duschka

Liebe Schwestern und Brüder,

heute enden die Geburtstagsfeierlichkeiten Jesu endgültig. Denn dies ist der letzte Sonntag nach dem Epiphaniasfest, dem Fest der Erscheinung Gottes unter uns Menschen. Diese Epiphaniaszeit nimmt das Licht des Weihnachtssterns auf und will es in jeder dunklen Hütte verbreiten. Wir alle können es förmlich spüren. Weihnachten ist etwas ganz Besonderes geschehen. Dieses Kind in der Krippe, Gott bei uns Menschen, zerbrechlich und klein, hat die Welt ein für alle Mal verändert.

Ja wie zerbrechlich ist das Leben. Das erleben wir gerade jetzt besonders heftig. Das Kirchenjahr will uns mit der beginnenden Vorfastenzeit und der eigentlichen Passionszeit ja auch bereits wieder auf Jesu Leiden und Sterben hinführen. So ist natürlich das Leben - Geburt und Tod liegen eng beieinander.

Aber, so frage ich mich, wo bleibt dann die die Welt verändernde Weihnachtsbotschaft mit seinem Licht? Kann es wirklich die Finsternis durchdringen? Zweifel sind sehr verständlich. Das trifft zur Zeit besonders hart diejenigen, die sich bei einer Beerdigung von ihren Lieben verabschieden. Im kleinen, manchmal in einem sehr kleinen Kreis, sind wir auf unserem Friedhof. In solch einer Situation ist es schwer, die Hoffnung aufrecht zu halten.

Und so fühle ich mich den Angesprochenen des folgenden Textes aus dem zweiten Petrusbrief sehr nah. Es sind christliche Gemeinden Mitte des 2. Jahrhunderts. Sie sind wie wir Wartende. Allerdings nicht auf eine Impfung gegen Corona oder auf eine andere wirksame Maßnahme, um die Gefahren durch das Virus zu bannen. Sie warten immer noch auf die versprochene Wiederkehr des Herrn Jesus. Und sie sind wie wir gerade darüber müde geworden. So fragen Sie sich ganz verständlich, ob Sie weiter glauben können an eine Verheißung, die nicht eintrifft. Ihre Hoffnung schwindet darüber. Und das macht dem Verfasser des Textes große Sorgen und deshalb schreibt er die folgenden Worte:

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Der Verfasser dieses Briefes erinnert an die Szene, die wir im Evangelium gehört haben, der Verklärung Jesu. Da geht dieser mit seinen drei Lieblingsjüngern auf einen Berg, und dort strahlt es ganz hell und klar vom Himmel und Elia und Mose erscheinen und vom Himmel ertönt eine Stimme, die Jesus zu Gottes geliebten Sohn erklärt. Das muss ein toller Moment gewesen sein. Und die Jünger waren gänzlich begeistert davon. Aber gleich war alles wieder weg. Nur Petrus will daran festhalten. Er will drei Hütten bauen, um auf dem Berg noch etwas bleiben zu können. Doch Jesus schickt sie sofort wieder hinunter in den Alltag und verbietet ihnen sogar davon zu erzählen.

Unser Briefschreiber identifiziert sich mit den Jüngern. Das haben sie, haben wir erlebt. Es sind keine Fabeln oder Märchen. Die Herrlichkeit Gottes strahlte über Jesus bei seiner Geburt und auf dem Berg. Wir haben das prophetische Wort sagt er, die Überlieferung der Forderen. Daran können wir festhalten. Der Morgenstern, er wird auch in euren Herzen aufgehen.

Ähnlich empfinde ich es auch. Es fällt uns gerade nicht leicht, die Weihnachtsbotschaft fröhlich weiter zu sagen. Es ist bereits so viel wieder geschehen und die Welt ist nicht einfacher geworden. Doch gerade dadurch sind jene Worte so wichtig und wertvoll. Gottes Klarheit ist heute besonders wichtig für alle Menschen. Die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott, der nicht Leid und Tod, sondern Frieden und Lebens befördert. Sie haben wir nötiger denn je. Und das entwertet sie dadurch nicht, sondern macht sie sogar noch wertvoller. Es gibt Worte und Traditionen der Bibel und unseres geistlichen Erbes, die uns zu Herzen gehen. Sie leuchten für uns wie Jesus auf dem Berg der Verklärung. Es ist ein Leuchten, das alle Dunkelheit, Angst und Todesfurcht verschwinden lässt. Dieses Leuchten, das können wir nicht selber machen, uns nur erleuchten lassen. Und deshalb ist es auch so kostbar. Mit diesem Leuchten treten wir ein in die Welt der Ängste und Sorgen, aber auch der Hoffnung und der Widerstandsfähigkeit von Generationen von Glaubenden. Ihr Glaube, er steht dafür, dass diese Welt gut ist, wie das Urteil Gottes über die einzelnen Schöpfungsglieder es sagt. Und mit allen Glaubenden zusammen dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott sein Licht aufgehen lässt in jedem unserer Herzen.

Amen.

3. Sonntag nach Epiphanias, 24.01.2021

Predigt zu Rut 1, 5-13 - Pfr. Jürgen Duschka

Liebe Gemeinde,

mit dem Wochenspruch entwirft der heutige Sonntag ein großes Bild. Von allen Enden der Welt werden jene kommen, die am Tisch von Gottes Reich sitzen. Das muss eine gewaltige Prozession sein. Anders kann ich mir das gar nicht vorstellen.

Und in diesem Zusammenhang könnte man dann sehr gespannt darauf sein, welchen Aspekt dieses großen Bildes der Predigttext verdeutlichen möchte. In ihm geht es auch um Wanderung. Allerdings, von großen Prozessionen gewaltiger Menschenströme ist da nicht die Rede, sondern von der Flucht einer kleinen jüdischen Familien und ihrer ausländischen Schwiegertochter Rut.

Es beginnt mit Noomi und ihrem Mann Elimelech. Die leben mit ihren zwei Söhnen in Bethlehem, dem späteren Geburtsort Davids und Jesu. Da zwingt sie eine Hungersnot zur Flucht. Und sie? Sie ziehen gen Osten, in das Land der Moabiter. Dort sind sie zwar recht-  und auch gottlos, denn für Israel ist Moab der Inbegriff des gottfeindlichen Landes, aber dort können sie überleben. Sie haben in der Fremde ein Auskommen und lassen sich in diesem Land nieder. Beide Söhne heiraten moabitische Frauen. Es scheint so, als wenn sie alle in Moab Wurzeln schlagen. Aber dann stirb Elimelech. Noomi hat wenigstens noch die Familien ihrer Söhne, aber diese sterben auch bald.
Und jetzt bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit ihren Schwiegertöchtern in die alte Heimat, nach Betlehem zu ziehen. Aber würde ihnen dort Schutz bietet, auch in Betlehem gab es niemanden, der sie mit offenen Armen empfangen wird.

Und so rät die Schwiegermutter Noomi ihren Schwiegertöchtern in ihr eigenes Land zurückzukehren, dort neue Familien zu gründen. Eine der Schwiegertöchter hört auf ihren Rat. Die andere, Rut, will bei Noomi bleiben und sagt die folgenden bewegten Worte.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.
Wo du stirbst, da sterbe ich auch. Da will ich auch begraben werden.
Der Herr tut mir dies und das, nur der Tod wird dich und mich scheiden.

Das ist nicht spektakulär, aber sehr bewegend. Diese fremde Frau wird durch ihre Menschlichkeit und ihrem Glauben zur Stammmutter Jesu. In der Weihnachtsgeschichte bei Matthäus ist sie im Stammbaum Jesu erwähnt. Ohne die eben gehörten Worte Ruts gäbe es keinen Jesus. Und für Menschen wie Noomi und Rut ist Gott Mensch geworden. Ihre Schicksale sind ihm wichtig. Deshalb wurden sie Teil der Geschichte Gottes und seinem Volk und mit allen Menschen.

Rut steht mit ihrem Wort zur Fremden und Herumgeschubsten, einer Flüchtlingsfrau, und findet so ihren Weg zu Gott.


Dieses Beispiel, es zeigt uns, wie ein Leben verlaufen kann, rechtlos und ungewollt, hungernd und obdachlos. Zu Tausenden leben sie auf die Straßen dieser Welt und machen sich immer wieder auf zu uns. Viele nicht genannte Existenzen scheitern. Aber diese Geschichte wird sagen: Das ist nicht gottgewollt. Beide Frauen werden bei ihrem Namen genannt. Stellvertretend für alle anderen wertgeschätzt. Die Fremde, sie wird aufgenommen und Teil der Heilsgeschichte Gottes. Und so bleibt es eine bewegende, aber so gar nicht gewaltige Geschichte.

Wo bleiben nur die Ströme von Menschen zu Gottes Tisch? Vielleicht sind sie nicht gemeint, sondern Rut, schmerzhaft, allem Großartigen zum Trotz. Rut eröffnet einen anderen Blick. Es ist der Blick auf Gottes Volk, gebildet aus Sklaven, Nomaden und auch Fremden. Es ist der Blick auf Gott, der das Verwundete verbindet, die Geschundenen aufrichtet, die Pläne der Großen durchkreuzt und die Abbilder der Großmannssucht verweht. Rut gehört zu den Großen des Glaubens. Wie Abraham und Mose legt sie ihr Schicksal in Gottes Hand und macht sich auf. Und zusammen mit vielen anderen werden sie deshalb an Gottes Tisch sitzen.

Sie ist mir durch großes Vertrauen zu einem Vorbild im Glauben geworden. Sie hilft mir, mit meinen eigenen Grenzen umzugehen. Meine eigene Not, meine Angst vor der Zukunft, meine Unzulänglichkeiten muss ich nicht kleinreden. Alles gehört zu mir und zugleich in einem größeren Zusammenhang. Das alles darf ich in Gottes Hände legen, denn von ihm weiß ich mich geborgen.

Das ist wie nach Hause kommen und nach langer Reise aus einem fremden Land wieder in die Heimat zurückkehren. Diese Geborgenheit vermittelt etwas vom Tisch im Reich Gottes.

Amen.

2. Sonntag nach Epiphanias, 17.01.2021

Predigt zu Johonnes 2, 1-12 - Pfrn. Heike Iber

Liebe Gemeinde,

sie kann es nicht lassen, unruhig geht ihr Blick hin und her. Läuft alles? Ist alles gut geplant?  Sind alle zufrieden oder gilt es noch einmal mitanzupacken und Dinge zu richten…? Denn schließlich soll doch das Fest weitergehen.

Die Gäste auf der Feier sollen sich weiter freuen und ausgelassen feiern können. So oder ähnlich wird wohl die Mutter Jesu auf der Hochzeitfeier zu Kana gedacht haben. Zwar selber war sie als Gast geladen, ist sie doch emsig bemüht, dass es allen gut geht und die Feier ausgelassen begangen werden kann.

Doch dann passiert das, was eigentlich nicht passieren darf – der Wein geht zu neige und schließlich sind die Weinkrüge leer…

Da geht Jesu Mutter zu ihrem Sohn – und… hören Sie selbst den heutigen Predigttext in der Luther-Übersetzung (Joh 2, 1-12):

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. 12 Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nur wenige Tage dort.

Zunächst fällt es mir schwer den Text in Gänze zu fassen – zu groß die Empörung, wie Jesus seine Mutter anfährt… „Was geht es Dich an, Frau, was ich tue?“.

Da ist doch diese zu höchst engagierter Frau, die mithelfen will, dass die Feier am Laufen bleibt, die sich verantwortlich fühlt. Dann wird ihr so rüde über den Mund gefahren.

Die Lektüre zum heutigen Predigttext hat mir hier zum Glück den Schlüssel zum Verständnis geschenkt – denn die Übersetzung, die in den gängigen Übersetzungen zu lesen ist, ist mehr als ungenau. Wortwörtlich stehet dort eigentlich: Jesus spricht zu ihr:Was ist mir und was ist dir, Frau?“

Eine gute Frage – so steigt es in mir auf – eine so seelsorgerliche Frage:

Was ist jetzt eigentlich deine Angelegenheit? Worum sollst du dich jetzt kümmern und was ist Aufgabe von jemand anders? Ja, was ist wirklich deine Aufgabe als Gast auf dieser Feier?

Was für eine Entlastung – ich merke wie mir Zehntner große Steine von meinem Herzen purzeln… gibt es auch eine Auszeit von dem ewig engagiert und sich immer verantwortlich fühlen? Momente, wo ich einmal loslassen kann? Einmal die Kontrolle abgeben – was für ein Geschenk.

So höre ich nun die Worte der biblischen Erzählung…

 

Was löst es in Ihnen aus? Was ist jetzt gerade wirklich für Sie dran? Wo gilt es nicht vielleicht innezuhalten? Jetzt am Anfang des neuen Jahres?

 

Musst Du jetzt wirklich ins Tun und ins Handeln kommen– gerade jetzt in diesem Moment? Später wieder… da bist du gefordert, da wartet man auf dich… da braucht dich die Familie, die Nachbarn und da braucht Dich auch die Gesellschaft… Da braucht es dein mitdenkendes Handeln, das mit einem engagierten und verantwortlichen Herzen im Einklang lebt. Da darfst du loslegen… da erwartet ganz sicher auch Gott etwas von Dir / von uns…

Doch jetzt auf der Hochzeit – auf der Feier des Lebens – gilt es, dass Geschenk des Lebens zu würdigen und die eigene Seele ins freie Schwingen zu bringen…

Die Hochzeit in der biblischen Geschichte steht nun für mich stellvertretend für die „hohe Zeit“ der eigenen Seele… du musst nicht handeln, denn – und darauf will die Geschichte ja hinaus – jemand anders handelt. Es ist jemand anders tätig, der durch sein Handeln etwas deutlich, etwas schenken möchte…hier wird das Leben gefeiert. Das darfst Du genießen!

Erzählt wird es durch das sog Weinwundern – Jesus lässt die Weinkrüge mit Wasser füllen – riesige Mengen. Und als diese durch den Speisemeister gekostet werden, um den feiernden Menschen auszuschenken – ist es Wein geworden. Wein und nicht mehr Wasser – der das Weiterfeiern der Hochzeit ermöglicht. Würde nur noch Wasser ausgeschenkt werden, wäre es das deutliche Zeichen für die Gäste, dass das letzte Lied spielt bald auf und die Diener fangen in Kürze an, aufzuräumen – das Feiern, das Lachen, das Tanzen wäre vorbei; der Kater würde wird sich einstellen.

So noch nicht – sicher, demnächst wird das Fest ausklingen, die Morgendämmerung lässt sich schon am Horizont erahnen, aber noch nicht.

Noch dürft ihr erfahren - durch diese kleine Geschichte -, dass Gott euch in Hülle und Fülle beschenkt. Er schenkt, ohne dass ihr etwas tun müsst – nein, nicht jetzt. Lasst euch beschenken! Lassen wir uns beschenken. Gott feiert mit uns das Leben.

 

Das tut gut. Das tut meiner geschundenen Seele gut. Ich will mich beschenke lassen – gerade jetzt.

Gott lässt sich nur erahnen – oft nicht verstehen. Der Text aus dem Ersten Testament für den heutigen Sonntag erzählt auch davon: Mose begegnet Gott. Aber er kann ihn nicht sehen – ihm nur hinterhersehen. Er ahnt die göttliche Fülle, weil Gott sie ihm verspricht. Doch Beweise gibt es nicht. Nur seine Gnade und seine Barmherzigkeit kann nachgeschaut werden. Im Exodus-Buch heißt es, dass Gott zu Moses sagt: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Ich kann Gott nur durch seine Gnade und Barmherzigkeit erfahren; wenn überhaupt. Daher braucht es wohl wirklich auch die Momente, in denen wir spüren, dass Gott zu uns barmherzig ist. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ – so heißt es in der Jahreslosung für dieses Jahr.

Es braucht diese Momente – dieses Innehalten, dieses sich von Gott beschenken lassen. Ich bekomme etwas geschenkt ganz unabhängig meiner Leistungen. Dieses Geschenk ist keine Belohnung, keine Beförderung – Nein, ich – wir – bekommen es geschenkt, weil Gott es uns schenken will. Aus seiner Gnade heraus, blickt er auf uns barmherzig. So feiert er mit uns das Leben! Denn durch ihn ist es ein gesegnetes Leben.

Ein gesegnetes Leben, dass nach anderen Maßstäben misst – „Selig sind die, die jetzt hungert, denn sie werden satt werden! Selig, die jetzt weinen, denn sie werden lachen!“ So heißt es in den Versen vor der Jahreslosung. Bei Gott ist niemand ausgeschlossen und niemand soll benachteiligt werden. Und die Verse dort nehmen Fahrt auf… sie gipfelt in dem Gebot der Feindesliebe, die ihren Ursprung in den alten jüdischen Texten hat. „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen!“

Bei Gott ist alles anders – er beschenkt uns nach seinen Maßstäben, er fordert Gemeinschaft und verantwortliches Handeln nach seinen Vorstellungen.

Das Gebot der Feindesliebe überwindet Grenzen der Rationalität. Rache und Vergeltung verlieren an Bedeutung. Die grenzenlose Liebe setzt Zeichen. Durch Gottes Präsenz sind wir erst in der Lage unsere Feinde bedingungslos zu lieben. Er gibt uns die Kraft, dies auch gegen die Grenzen der Vernunft durchzustehen.

Feindesliebe ist demzufolge ein Akt, der die Zukunft verändert. Sie hat die Kraft, Feindschaft aufzuheben und einen Partner an Stelle eines Gegners anzubieten. Doch zunächst gilt es, inne zu halten, um aufzutanken und Gottes Barmherzigkeit an uns wahrzunehmen, um dann selber zu versuchen, barmherzig zu handeln.

Durch Gottes Präsenz und sein Geschenk an uns und an ein menschliches und menschenwürdiges Leben können wir versuchen, den Feind zum Freund – zum Mitmenschen – werden zu lassen; Ihn neu zu sehen.

Hochzeit feiern – im übertragenden Sinne – bewusst diese Hochzeit, die Verbindung Gottes mit uns erleben und feiern. Er reicht uns die Hand. Ich darf in diesem Moment zugreifen. Mich beschenken lassen. Vielleicht muss ich daher nicht einmal muss ich zugreifen, sondern Gott gibt diese Verbindung mir zart in mein Herz.

Diese Hochzeit hebt mich hoch – um im Wortspiel zu bleiben – damit ich später auch andere hochheben – die, die sich gerade nicht alleine aufrichten können.

Die Zusage Gottes will mir Kraft geben, selber barmherzig zu sein – auch dann, wenn ich mir so gar nicht dazu zumute ist.  Meine Seele schwingt… und lässt mich zuversichtlich weitergehen.

Amen.

Letzte Änderung am: 18.02.2021